Wer bist du, wenn niemand etwas von dir erwartet?
- Janine Frederich
- 24. Mai
- 8 Min. Lesezeit
(Oder: Die Landkarte, die nicht meine war)
Lebe ich mein Leben oder spiele ich nur die Rolle, die andere für mich vorgesehen haben?
Es gibt eine Frage, die ich mir lange nicht gestellt habe.
Nicht weil sie verboten war, sondern weil ich tief drinnen wusste, dass die Antwort mein Leben verändern würde und Veränderung macht Angst, auch dann, wenn das, was bleibt, sich schon lange nicht mehr richtig anfühlt.
Die Frage lautete: Wer bin ich eigentlich, wenn niemand zuschaut? wenn ich nicht gerade die Schwester, die Tochter, die Freundin, die Angestellte, die Partnerin, die Tante bin?
Wer bin ich, wenn ich keine Rolle spiele?
Ich war so oft jemand für andere, dass ich irgendwann nicht mehr wusste, wer ich bin, wenn niemand etwas von mir braucht.
Im letzten Beitrag habe ich dir erzählt, wie ein Sommertag in Potsdam, eine Rhabarberschorle und eine Trennung mich zu einer Frage geführt haben, die ich vorher immer wieder weggedrückt hatte: Ist das wirklich alles?
Nicht aus Verbitterung und auch nicht aus Wut, sondern aus dieser ganz leisen, hartnäckigen Ahnung, dass da noch etwas sein muss.
Etwas, das echter ist, etwas das sich mehr nach mir anfühlt.
Damals wusste ich noch nicht, wie ich diese Ahnung nennen sollte.
Heute weiß ich: Es war mein Innerstes, das sich gemeldet hat.
Wir alle folgen einer Landkarte.
Die Frage ist nur: Hat sie jemand anderes für uns gezeichnet? Haben wir sie einfach übernommen?
Wir alle bekommen eine Vorstellung davon, wie Leben zu laufen hat.
Kindergarten, Schule, Ausbildung, Job,
Funktionieren.
Anpassen.
Durchhalten.
Höher, schneller, weiter.
Urlaub.
Wieder funktionieren.
Irgendwann Rente.
Das war’s.
So wurde uns Leben erklärt, nicht unbedingt böse gemeint, nicht unbedingt falsch aber oft unbewusst übernommen.
Wir übernehmen diese Karte, bevor wir überhaupt wissen, wer wir sind und
bevor wir gespürt haben, was uns wirklich entspricht, bevor wir unterscheiden konnten zwischen „Das will ich“ und „Das erwartet man von mir“.
Bevor wir gelernt haben, dass ein angepasstes Leben nicht automatisch ein erfülltes Leben ist.
Irgendwann merken wir: Ich laufe, aber nicht unbedingt in meine Richtung.
Manchmal ist das Erschöpfende nicht der Weg. Sondern die Tatsache, dass es nie unser eigener Weg war.
Dieses System haben die meisten von uns nie hinterfragt
nicht weil wir dumm wären, sondern weil wir als Kinder keine Wahl hatten.
Wir haben die Landkarte übernommen, die man uns in die Hand gedrückt hat.
Also sind wir losgelaufen.
Wir haben Häkchen gesetzt.
Wir haben Rollen erfüllt.
Wir haben gemacht, was man eben macht und irgendwann stehen wir mitten im Leben und merken:
Das fühlt sich an wie das Leben von jemand anderem.
Nicht dramatisch, nicht laut und oft ist es nur dieses leise, hartnäckige Gefühl, das sich einfach nicht wegdenken lässt.
Vielleicht kennst du das:
Du stehst morgens auf, der Wecker klingelt, du funktionierst, du lieferst, du passt dich an und irgendwo tief drin fragt eine Stimme ganz leise: Für wen mache ich das eigentlich?
Und von außen sieht vielleicht alles normal aus.
Vielleicht sogar gut.
Du hast einen Job.
Du hast Menschen um dich.
Du machst deinen Alltag.
Du hältst Dinge am Laufen.
Aber tief in dir ist da diese leise Reibung.
Dieses Gefühl, dass du Energie gibst, jeden Tag, aber in eine Richtung, die sich nicht wirklich nach deiner anfühlt. Als würdest du ein Leben leben, das funktioniert aber sich nicht nach deines anfühlt.
Und genau das war lange mein Gefühl.
Nicht: Ich hasse mein Leben.
Nicht: Alles ist falsch.
Nicht: Ich muss sofort alles hinschmeißen.
Nicht der Job allein.
Nicht der Beziehungsstatus.
Nicht ein bestimmter Mensch.
Nicht ein einzelner Umstand.
Sondern der innere Fixpunkt.
Der Ort in mir, von dem aus ich mein Leben ausrichte.
Und irgendwann habe ich verstanden:
Vielleicht war ich gar nicht orientierungslos.
Vielleicht hatte ich mich nur zu lange an einer Landkarte orientiert, die nie wirklich meine war.
Ich möchte dir gerne eine alt umwobene Legende mit auf den Weg geben,
Die alten Seefahrer haben sich an einem einzigen Stern orientiert, dem Polarstern.
Nicht weil er der hellste war, sondern weil er der einzige war, der sich nie bewegt.
Während sich der gesamte Nachthimmel dreht, bleibt er fix. Unveränderlich. Immer an derselben Stelle.
Ich habe mich gefragt:
Was ist eigentlich mein innerer Polarstern?.
Wenn die alte Landkarte nicht mehr stimmt, brauchst du keinen neuen perfekten Plan. Du brauchst erstmal einen inneren Fixpunkt.
etwas, was dich im inneren Stabilisiert
Nicht mein Job.
Nicht mein Kontostand.
Nicht mein Beziehungsstatus.
Nicht die Meinung anderer.
Nicht die Rolle, die ich gerade erfülle.
Nicht das Bild, das andere von mir haben.
Sondern das, was bleibt, wenn alles im außen wackelt.
Was ist dieser innere Punkt in mir, der sich nicht verbiegen muss, nur weil andere etwas erwarten?
Was ist meine Wahrheit, wenn niemand applaudiert?
Wenn niemand zustimmt?
Wenn niemand sagt: „Gut gemacht“?
Wer bin ich, wenn ich nicht versuche, richtig zu sein?
und es führte mich zu dieser Frage:
Ich nenne es die Frage aller Fragen: Wofür bin ich wirklich hier?
Vielleicht sind wir nicht hier, um anzukommen. Vielleicht sind wir spirituelle Wesen, die eine menschliche Erfahrung machen und der Sinn liegt nicht am Ende des Weges, sondern im Erleben selbst. In jedem Moment, in jeder Herausforderung, in jeder Entscheidung.
Und genau da beginnt die eigentliche Frage: Wer bin ich in diesem Moment wirklich?
Neale Donald Walsch beschreibt in "Gespräche mit Gott" den Zweck des Lebens im Kern so: Wir sind hier, um uns selbst zu erfahren und zwar nicht abstrakt, sondern konkret, durch Gegensätze.
Du kannst Liebe nur erfahren, wenn du weißt, was Lieblosigkeit ist.
Du kannst Mut nur erleben, wenn du Angst kennst.
Das Leben ist der Spielplatz, auf dem die Seele das erlebt, was sie bereits weiß aber noch nicht gefühlt hat.
Ich hab lange gedacht, ich bräuchte einen großen Moment.
"Eine Erleuchtung"
als ob es so etwas geben würde.
Wir sind die Erleuchtung selbst mit unserem SO SEIN, mit dem wir unserem SO SEIN Ausdruck verleihen.
Der Weg zu mir zurück begann nicht mit einer Erleuchtung. Er begann in den Momenten, in denen ich mich selbst beim Funktionieren erwischt habe.
Ich dachte lange, es gibt diesen einen Satz, der alles verändert.
Den gab es nicht.
Was es aber gab, waren tausend kleine Momente.
Momente, in denen ich gemerkt habe, was ich gerade tue.
Momente, in denen ich mich selbst dabei beobachtet habe, wie ich mich wieder verlassen wollte.
Wie ich mich erklärte, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte.
Wie ich verstanden werden wollte von Menschen, die gar nicht verstehen wollten.
Wie ich Verantwortung für Gefühle übernahm, die gar nicht meine waren.
Wie ich innerlich Nein spürte und trotzdem kurz davor war, Ja zu sagen.
Wie ich mich kleiner machte, damit es für andere bequemer blieb.
Früher hätte ich alles auf mich bezogen. Heute übe ich, stehen zu bleiben und zu erkennen: Nicht jedes Gefühl eines anderen ist mein Auftrag.
Und in genau diesen Momenten habe ich angefangen, anders zu entscheiden.
Nicht dramatisch und auch nicht laut, sondern einfach nur: NEIN. Nicht mehr mit mir, nicht weil ich gefühlskalt bin, sondern weil ich nicht mehr die Bürden anderer Menschen tragen wollte und das geht Nicht in der Theorie
Nicht auf einem Meditationskissen.
Nicht in einem Buch.
Nicht in einem perfekten Moment.
Sondern mitten im Alltag.
In Gesprächen.
In Erwartungen
In innerem Druck.
In diesem kurzen Moment, in dem ich gemerkt habe:
Ich bin gerade dabei, mich wieder anzupassen.
Und das war neu für mich, denn bei allem was ich in der Theorie gelernt hatte, habe ich eines vergessen: ich musste meinen Körper mitnehmen, denn Körper, Geist und Seele sind niemals voneinander getrennt.
Nicht, dass ich sofort alles anders gemacht hätte.
Aber ich bemerkte es und in dem Moment, in dem du etwas bemerkst, bist du ihm nicht mehr komplett ausgeliefert.
Früher hätte mich vieles sofort aus der Bahn geworfen.
Wenn sich jemand distanziert verhielt, hätte ich mich gefragt, was ich falsch gemacht habe.
Wenn meine Mutter etwas von mir erwartet hätte, hätte ich wahrscheinlich innerlich schon geplant, wie ich es möglich mache, selbst wenn ich eigentlich keine Kraft hatte.
Wenn Menschen Beweise dafür gebraucht hätten, dass das, was ich sage, der Wahrheit entspricht, hätte ich mich erklärt, verteidigt und versucht, sie zu überzeugen.
Nicht, weil ich wirklich wollte, sondern weil ich gelernt hatte, dass Frieden oft wichtiger ist als meine eigene innere Wahrheit.
Heute sehe ich das anders.
Nicht perfekt.
Nicht immer sofort.
Nicht ohne alte Reflexe.
Aber klarer.
Heute weiß ich:
Nicht jedes Gefühl eines anderen ist mein Auftrag.
Nur weil jemand enttäuscht ist, heißt das nicht, dass ich falsch gehandelt habe.
Nur weil jemand mich nicht versteht, heißt das nicht, dass ich mich besser erklären muss.
Nur weil jemand etwas von mir erwartet, heißt das nicht, dass ich mich selbst übergehen muss.
Das klingt einfach.
Aber zwischen dem Satz „Die Gefühle anderer sind nicht deine Verantwortung“ und dem wirklichen Verkörpern dieses Satzes liegt ein ganzer Weg.
Ein Weg durch Schuldgefühle.
Durch alte Muster.
Durch Angst vor Ablehnung
Durch diesen Reflex, sofort wieder lieb, verständlich, angepasst und unkompliziert sein zu wollen.
Und genau da zeigt sich, wer du wirklich bist.
Nicht dann, wenn alles ruhig ist.
Sondern dann, wenn jemand etwas von dir erwartet und du zum ersten Mal innehältst und bewusst wahr nimmst, was in dir passiert und hochkommt aber der Unterschied ist: Ich bemerke es jetzt und in dem Moment, wo ich es bemerke habe ich eine Wahl und das ist eine wichtige Erkenntnis für mich gewesen, die wirklich etwas verändert hat.
Nicht dass das Leben leichter geworden wäre.
Nicht dass keine Herausforderungen mehr kommen, die kommen, glaub mir, die werden Immer kommen, sei es In neuen Formen oder mit neuen Gesichtern.
Aber ich reagiere anders darauf.
Ich möchte dir gerne ein Beispiel mitgeben,
Es gibt eine Situation und hundert Menschen und jeder reagiert anders darauf.
Der Unterschied liegt nicht in der Situation, sondern er liegt in dem kleinen Raum zwischen dem, was passiert, und dem, was ich daraus mache. Zwischen dem: Reagiere ich sofort oder halte ich bewusst inne und agiere?
Dieser Raum heißt Bewusstsein. Und je größer er wird, desto mehr lebe ich mein Leben, statt dass meine alten erlernten Muster und Glaubensätze mich leben.
Dann passiert etwas Entscheidendes:
Du reagierst nicht mehr automatisch.
Du kannst kurz stehen bleiben.
Du kannst wahrnehmen:
Was passiert hier gerade wirklich?
Was fühle ich?
Was ist meine Verantwortung und was nicht?
Handle ich gerade aus Angst?
Aus Schuld?
Aus Anpassung? Oder aus innerer Klarheit?
Genau dort beginnt Selbstführung.
Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung.
Nicht, dass das Leben plötzlich leichter wird.
Das wird es nicht immer.
Herausforderungen kommen weiterhin.
Menschen reagieren weiterhin.
Erwartungen verschwinden nicht einfach.
Alte Muster klopfen immer wieder an.
Aber du bist nicht mehr dieselbe Person in diesen Situationen.
Du bemerkst schneller, wenn du dich verlierst.
Du spürst früher, wenn du dich verbiegst.
Du erkennst klarer, wann du gerade eine Rolle spielst, nur um nicht anzuecken.
Und manchmal reicht genau das.
Nicht, um sofort alles perfekt zu lösen.
Sondern um einen anderen Schritt zu wählen.
Einen ehrlicheren und einen, der mehr nach dir klingt.
Ich möchte dir etwas mitgeben, das ich lange glaubte: Ich glaubte, das mich mich Selbstoptimieren müsste, das ich bessere Routinen in mein Leben etablieren müsse, weil das ja alle sagen, ich glaubte lange, das ich so wie ich bin nicht perfekt bin aber heute
glaube ich nicht mehr, dass wir hier sind, um irgendwann perfekt anzukommen.
Vielleicht gibt es dieses Ankommen gar nicht.
Vielleicht geht es nicht darum, irgendwann eine Version von uns zu sein, die nie mehr zweifelt, nie mehr fällt, nie mehr Angst hat und nie mehr alte Muster spürt.
Vielleicht geht es darum, bewusster zu werden.
Anwesender im eigenen Leben.
Vielleicht geht es nicht darum, endlich jemand anderes zu werden.
Sondern darum, aufzuhören, jemand zu sein, der wir nie wirklich waren.
Denn viele Menschen suchen sich selbst, während sie gleichzeitig versuchen, für alle anderen passend zu bleiben.
Und genau das funktioniert nicht.
Du kannst dich nicht wirklich finden, während du dich ständig verlässt.
Du kannst nicht in deine Wahrheit kommen, wenn du jedes Mal aus ihr herausgehst, sobald jemand irritiert ist.
Du kannst nicht dein eigenes Leben leben, wenn du innerlich immer noch wartest, dass andere dir erlauben, du selbst zu sein.
Diese Erlaubnis kommt nicht.
Nicht von allen.
Nicht zuverlässig.
Nicht immer.
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Du musst irgendwann aufhören, dein Leben danach auszurichten, ob andere deine Landkarte verstehen.
und du kannst anfangen, bewusster zu leben
Und das beginnt mit einer einzigen Frage, die du dir in dem Moment stellst, wo du merkst, dass du gerade wieder reagierst, dich erklärst, dich anpasst und dich verkleinerst
Und diese Frage lautet:
Tue ich das gerade für mich oder für jemand anderen? oder Wann hast du zuletzt etwas getan, nicht weil es jemand von dir erwartet hat, nicht weil es sich gehört, nicht weil du Angst hattest, nein zu sagen sondern einfach nur, weil es sich für dich richtig angefühlt hat?
Du findest dich nicht, indem du eine neue Rolle spielst. Sondern indem du erkennst, welche Rollen nie wirklich deine waren.


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