Gedankenspaziergänge
- Janine Frederich
- 19. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Dieses kleine Mädchen wusste noch nicht, dass es viele Jahre damit verbringen würde, herauszufinden, wer sie wirklich ist.

Kapitel 1
Das Mädchen, das lernte, sich anzupassen
Es gibt Veränderungen im Leben, deren Anfang man im Nachhinein ziemlich genau benennen kann.
Eine Trennung, ein Umzug, ein neuer Job oder dieser eine Moment, nach dem plötzlich nichts mehr so war wie vorher.
Und dann gibt es Veränderungen, die so leise beginnen, dass man sie erst viele Jahre später überhaupt als solche erkennt.
Ich könnte dir heute nicht sagen, an welchem Tag ich angefangen habe, mich anzupassen. Es gibt kein Datum, das ich in einem Kalender einkreisen könnte, keine einzelne Erinnerung, bei der ich mit dem Finger darauf zeigen und sagen würde: Genau hier ist es passiert. Genau hier habe ich begonnen, mich ein kleines Stück von mir selbst zu entfernen.
Wahrscheinlich war es auch gar kein einzelner Moment.
Kein kleines Mädchen steht morgens auf, zieht sich an, bindet sich die Schuhe und beschließt beim Zähneputzen, dass heute ein ausgezeichneter Tag wäre, um ein bisschen weniger sie selbst zu sein.
So offensichtlich kündigen sich die entscheidenden Veränderungen im Leben selten an. Meistens schleichen sie sich ein, fast höflich und setzen sich irgendwann so selbstverständlich neben uns, als hätten sie schon immer dort gesessen.
Vielleicht begann es mit einem Blick, der ein wenig länger auf mir ruhte, als er sollte. Vielleicht mit einem Augenrollen, während ich voller Begeisterung etwas erzählte. Vielleicht aber auch mit einem Satz, der für den Menschen, der ihn aussprach, längst vergessen war, während er sich in mir einen Platz suchte und dort blieb, wie zum Beispiel:
Jetzt übertreib doch nicht so.
Sei nicht immer so empfindlich.
Du musst auch nicht aus allem so ein Drama machen.
Wenn du nicht lieb bist, darfst du nicht mit
Jetzt sei endlich lieb
Jetzt hör auf zu weinen
Du musst auch mal teilen
Das macht man nicht
Reiß dich zusammen
Du bist heute aber anstrengend
Wenn du jetzt nicht hörst, gehen wir nach Hause
Wenn du so bist, dann bleibst du eben hier
Vielleicht hast du einige davon selbst gehört, vielleicht sogar so oft, dass du sie heute kaum noch bemerkst, weil sie sich irgendwann wie ganz normale Begleitmusik deiner Kindheit angefühlt haben.
Für Erwachsene sind es oft nur Worte, gesprochen in einem Moment von Stress, Ungeduld oder Überforderung.
Für ein Kind können dieselben Worte jedoch eine ganz andere Bedeutung bekommen.
Wenn ein Erwachsener sagt: „Sei nicht so laut“, hört ein Kind vielleicht nicht nur die Bitte, leiser zu sein. Es hört: So, wie ich bin, bin ich zu viel.
Wenn jemand sagt: „Hör auf zu weinen“, versteht ein Kind möglicherweise nicht: „Ich weiß gerade nicht, wie ich mit deinen Gefühlen umgehen soll.“ Es versteht: Meine Gefühle sind hier nicht willkommen.
Und aus „Jetzt sei endlich lieb“ kann ganz leise die Überzeugung entstehen: Ich werde geliebt, wenn ich angenehm bin.
Kinder hören eben nicht nur Wörter.
Sie versuchen, aus ihnen zu verstehen, wer sie sein dürfen, wie sie sich verhalten müssen und was nötig ist, damit Nähe, Anerkennung und Zugehörigkeit nicht verschwinden.
Dabei geht es mir nicht darum, Eltern anzuklagen.
Die meisten dieser Sätze fallen nicht aus Bosheit, sondern in Momenten, in denen Menschen müde, gestresst oder selbst mit dem überfordert sind, was gerade passiert.
Viele geben schlicht weiter, was sie selbst einmal gehört und gelernt haben.
Mir geht es darum, dafür zu sensibilisieren, wie viel Gewicht Sprache für ein Kind haben kann, denn manchmal trägt ein Erwachsener noch Jahrzehnte später eine Geschichte über sich selbst mit sich herum, die in einem beiläufigen Satz begonnen hat.
Solche Sätze sehen zunächst harmlos aus.
Sie kommen ohne großes Gepäck daher und hinterlassen trotzdem manchmal mehr als all die freundlichen Worte, die am selben Tag ebenfalls gefallen sind.
Unser Gehirn ist darin erstaunlich zuverlässig.
Zehn Menschen können uns sagen, dass sie uns mögen, und wir verbringen den Abend damit, über den einen nachzudenken, der beim Sprechen kurz die Stirn gerunzelt hat. Wirklich ausgesprochen hilfreiche Arbeitsteilung vom Gehirn
Als Kind kann man solche Reaktionen noch nicht einordnen. Man denkt nicht: Dieser Mensch ist gerade überfordert, ungeduldig oder mit sich selbst beschäftigt. Man denkt viel eher: Mit mir stimmt etwas nicht.
Und so beginnt ein Kind irgendwann, sich selbst von außen zu betrachten.
Es hört nicht mehr nur auf das, was es sagen möchte, sondern achtet darauf, wie die anderen reagieren könnten. Es lacht noch, aber vielleicht nicht mehr ganz so laut. Es erzählt noch, doch mitten in einem Satz taucht plötzlich die Frage auf, ob die Geschichte überhaupt jemanden interessiert. Es spürt ein Nein im Bauch und sagt trotzdem Ja, weil ein Ja die Stimmung nicht gefährdet.
Das alles passiert nicht mit böser Absicht.
Niemand überreicht einem Kind feierlich eine Anleitung mit dem Titel: So verlässt du dich selbst, damit es für alle anderen angenehmer wird.
Es lernt einfach.
Es beobachtet, wann die Gesichter der Erwachsenen weich werden und wann sie angespannter aussehen. Es merkt, welche Seiten an ihm willkommen sind und welche offenbar ein wenig zu viel Raum einnehmen und weil Zugehörigkeit für ein Kind keine Kleinigkeit ist, beginnt es, sich genau dort zurückzunehmen, wo es glaubt, sonst Liebe, Nähe oder Anerkennung verlieren zu können.
Vielleicht ist das der eigentliche Anfang von Anpassung.
Nicht der Wunsch, jemand anderes zu werden, sondern die Angst, als man selbst nicht bleiben zu dürfen.
Fortsetzung folgt …
Unser Gedankenspaziergang endet heute hier.
Vielleicht erkennst du dich in diesem kleinen Mädchen wieder.
Vielleicht auch nicht.
Vielleicht hast du ganz andere Erfahrungen gemacht.
Aber wenn dieser Gedanke heute etwas in dir berührt hat, dann geh ihm nach.
Nicht, um die Vergangenheit zu verändern, denn das können wir nicht, sondern um zu verstehen, warum wir heute manchmal so handeln, wie wir handeln.
Ich habe lange geglaubt, Anpassung wäre einfach ein Teil meines Charakters.
Heute weiß ich, dass sie einmal eine kluge Überlebensstrategie war.
Und genau dort beginnt die eigentliche Geschichte.
Im nächsten Gedankenspaziergang nehme ich dich mit zu dem Moment, in dem ich zum ersten Mal gespürt habe, dass ich zwar überall dazuzugehören schien, nur nicht mehr zu mir selbst.
Bis zum nächsten Spaziergang.
Deine Janine




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